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Korrealitätsprinzip


Es ist bekannt, daß das Wissen um die reale Welt die Vorstellungen von einer fiktiven Welt vorformt. Dies wird als Realitätsprinzip bezeichnet und wird kaum in der Forschung bestritten. Dagegen ist weniger selbstverständlich, daß fiktionale Darstellungen geeignete Beschreibungen der realen Welt liefern können. Um diese Gegenrichtung geht es beim Korrealitätsprinzip.

Es fällt empirisch auf, daß fiktionale Darstellungen zu Lehr- oder Demonstrationszwecken benutzt werden oder daß – mal gewollt, mal ungewollt – fiktionale Darstellungen auf ihre Beschreibungstauglichkeit in der realen Welt bewertet werden. Grundsätzlich scheint es möglich zu sein, daß ein Roman die wirkliche Welt gut und treffend beschreibt. Kritisiert etwa Victor Hugo in einem seiner Romane Napoleon, so kritisiert er keinen fiktiven Napoleon, sondern den realen.

Das Korrealitätsprinzip läßt sich kaum mit Mitteln der analytischen Philosophie erklären. Es gründet sich auf Annahmen der Differenztheorie. Diese geht davon aus, daß es keine Medien der Beschreibung gibt, die von sich aus präzisionsfähig sind. Das betrifft etwa die Sprache: einen klaren, deutlichen, einfachen, amphiboliefreien plain style kann es nicht geben. Will man Klarheit und Deutlichkeit, so muß man zu komplizierten, teils sehr aufwendigen und soziologisch zu beschreibenden Konditionierungen der Kommunikation greifen. Solche liegen etwa in der Wissenschaft vor, die – je nach Disziplin – beachtliche Präzisionsfähigkeit erlangt.

Die Kunst hingegen setzt zwar wie die Wissenschaft darauf, Welt zu beschreiben, doch ihr Verfahren ist das genau gegenteilige: so wenig Konditionierung wie möglich. Speziell die Anwendbarkeit sprachlicher Beschreibung wird kaum eingeschränkt. Eine im Roman aufgezeigte Differenz wird grundsätzlich für die Verwendung in der realen Welt angeboten.
(So richtet es sich gerade gegen die Kunstfreiheit, wenn man behauptet, ein Roman wie Esra beziehe sich nicht auf reale Personen.)